Prof. Dr. Günter Stüttgen - "the german doctor"

Prof. Dr. Günter StüttgenEs ist Dienstag der 7. November 1944 als die amerikanischen Soldaten den Abhang von Vossenack herunter zur Mestrengermühle, dort über die Kall, wieder hinauf nach Kommerscheid und dann weiter nach Schmidt zur Rurtalsperre wollen. Es ist ein Kampf Mann gegen Mann, so umschreiben Militärhistoriker was in diesen Tagen hier an dieser Stelle im Kalltal zwischen den Dörfern Vossenack und Schmidt passiert. Die Front verschiebt sich täglich, zuweilen stündlich, aber immer nur wenige Hundert Meter. An manchen Tagen gibt es mehr als 200 Verletzte auf beiden Seiten, sie wälzen sich auf den Wiesen, wimmern im kleinen Bachbett der Kall, schreien um Hilfe aus den Schützenlöchern, die hier wegen des steinigen Bodens viel zu flach sind, um wirklich Schutz zu bieten.

Nicht nur militärisch verschwimmt die Front, auch menschlich. "Die Amerikaner waren völlig demoralisiert." Sie fühlen sich von ihren Befehlshabern allein gelassen. Dieser Wald - ein dunkler, deutscher Albtraum. Viele sterben im "friendly fire" der eigenen Artillerie. Von den Bäumen prallen die Schrapnelle ab. Die Deutschen feuern aus gut getarnten Positionen, die immer erst entdeckt werden, wenn sie das Feuer eröffnen. Amerikanische Militärexperten werten heute den "Huertgenwald Battle" als erste "Waldkampferfahrung" der US Army, als vorgezogenes Vietnam, als verpasste Chance, als das Symbol des großen militärischen Versagens.

In diesem blutigen Durcheinander arbeitet der deutsche 25 jährige Militärarzt Günter Stüttgen. Erst ein Jahr zuvor legte er, nach seinem Studium in Marburg, Frankfurt und Düsseldorf, sein Staatsexamen ab.

An diesem 7. November kommt es zum ersten, vorsichtigen Kontakt von Sanitätspersonal: Die Amerikaner haben gehört, die Deutschen ließen die Bergung ihrer Verwundeten zu und stellten das Feuer dafür ein. Sie testen es. Drei Sanitäter nähern sich unbewaffnet den deutschen Linien, wollen sie kurz überschreiten, um im Waldstück dort drüben verwundete GIs zu versorgen. Ein deutscher Posten greift sie auf, er spricht kein Wort Englisch. Sie bieten ihm Zigaretten an. "Dann ging es". Günter Stüttgen zählt die damals begehrtesten Währungen auf: Zigaretten für die Deutschen, Kommissbrot für die Amis.

Einen Waffenstillstand ersehnen beide. Dieser erste Kontakt findet direkt vor dem Lauf eines eingegrabenen schweren deutschen MGs des 1056. Infanterieregiments statt. Freies Geleit, mehr ist es vorerst nicht, aber in diesem von Granaten aufgewühlten Kalltal eine Sensation.

So beginnt das "Wunder vom Hürtgenwald", wie es heute von amerikanischen Veteranen genannt wird: Günter Stüttgen und ein Sanitäter, beide mit dem Zeichen vom Roten Kreuz, nähern sich unbewaffnet den amerikanischen Linien und laden einen amerikanischen Einheitsführer in ihren Gefechtsstand ein. Mit verbundenen Augen wird er in die Mestrenger Mühle geführt, von der aus die deutsche Seite die Kämpfe im Tal leitet. In den folgenden Tagen gelingt es Stüttgen drei Mal, einen mehrstündigen Waffenstillstand auszuhandeln. Gedeckt von seinem Regimentskommandeur, Oberst Rösler, ermöglicht er, dass Hunderte von Verwundeten und Gefangenen über die Linien hinweg ausgetauscht und verpflegt werden. Deutsche Sanitäter bergen Amerikaner, tragen sie bis weit in ihre Etappe. Günter Stüttgen betreibt seinen Sanitätsbunker für einige Tage sogar zusammen mit amerikanischen Sanitätssoldaten, die ihm zur Hand gehen.

Friedhof Berlin Schmargendorf Gedächtnisstätte

Prof. Dr. Günter Stüttgen

◊ 23.01.1919 † 21.10.2003

Arzt, Dermatologe

Günter Stüttgen wurde in Düsseldorf geboren. Er studierte Medizin in Marburg, Frankfurt Düsseldorf und legte 1943 sein Staatsexamen ab. Während des Krieges 1943 – 1945 war er als Militärarzt tätig. Günter Stüttgen durchlief danach eine Ausbildung zum Dermatologen. Von 1969 bis zu seiner Emeritierung 1990 leitete Stüttgen die Dermatologische Klinik im Rudolf-Virchow-Klinikum und hatte außerdem den Lehrstuhl für Dermatologie am gleichen Standort inne.
Als namhafter deutscher Dermatologe und Hochschullehrer an der Freien Universität Berlin war er ebenfalls Mitglied der Berliner Medizinischen Gesellschaft.
Sein Optimismus und seine Begeisterung für eine gute Sache sowie seine kritische Herangehensweise an bevorstehende Aufgaben waren seine herausragenden Charaktereigenschaften. Dazu kam sein Mut, den er 1944 unter Beweis stellte. Zum Dank und zur Erinnerung an sein beherztes, humanitäres, ärztliches Verhalten während des II. Weltkrieges wurde der Mediziner in den Vereinigten Staaten besonders gewürdigt, weil er durch sein couragiertes Handeln hunderten verletzten Soldaten – ob deutsch oder amerikanisch – geholfen hat. Gemeinsam mit einem amerikanischen Arzt setzte er 3mal eine Waffenruhe durch, die vielen Soldaten das Leben rettete.
Er selbst hat das Erlebte fast 50 Jahre für sich behalten und so ist es in Deutschland bis heute noch unbekannt. In den USA begannen jedoch Militärhistoriker Anfang der Neunziger Jahre nach jenem geheimnisvollen „german doktor“ zu suchen, der in so vielen Schilderungen amerikanischer Soldaten auftauchte.
Seit 1999, anlässlich seines 80. Geburtstages, wird die Günter Stüttgen-Medaille an überragende, international renommierte Dermatologen vergeben. Günter Stüttgen hat zahlreiche wissenschaftliche Werke veröffentlicht.